Dienstag, 5. Dezember 2017

Montag, 4. Dezember 2017

Vom mühsamen journalistischen Kratzen an der institutionellen Oberfläche

Wenn ich, wie es häufiger mal vorkommt, von einer Behörde oder Firma etwas wissen will, lande ich nolens volens zuerst beim Pressesprecher. Wozu ist ein Pressesprecher da? Er kümmert sich um die Außendarstellung, das öffentliche Erscheinungsbild seiner Firma-Behörde-Partei-Stiftung-Verein-... Er filtert die Informationen aus dem Innern seiner Institution, damit in der Öffentlichkeit kein falscher Eindruck entsteht (oder etwa ein richtiger, aber schlechter).

Soweit alles bekannt, alles okay. Merkwürdig berührt mich nur das Missverhältnis zwischen der Hilfsbereitschaft und Eilfertigkeit, die manche Kolleginnen an den Tag legen, einerseits und ihrem konsequenten Mauern andererseits.

Wie zum Beispiel bei der DAK, der ich die Frage stellte, wie viele Versicherte eigenlich an den Online-Präventionskursen gegen Depressionen und andere psychische Erkrankungen teilnehmen. Ich bekomme wie üblich Werbetexte ("Hintergrundinfos"), aber, immerhin:

Zahlen versuche ich herauszubekommen, damit melde ich mich später.
Falls Sie in der Zwischenzeit noch Fragen haben, melden Sie sich gern.
Mach ich:
Vielen Dank! Wenn Sie nach Zahlen fragen: ein ausreichend langer Zeitraum (z.B. die letzten 3 Jahre) und die jährliche Teilnehmerzahl Deprexis / Veovita / bewilligte Richtlinien-Psychotherapien wären wunderbar.
Daraufhin passiert erst einmal eine Weile nichts mehr. Das ist normal. Jetzt ist die Fachabteilung dran, und die hat Besseres zu tun. Nach ein paar Tagen bekomme ich dann diese Nachricht:
Leider kann der Fachbereich die gewünschten Daten gerade nicht ziehen - wir sind mitten in einer Systemumstellung. Ich weiß aber mittlerweile, dass rund 7.000 Versicherte an unseren eMental-Health-Programmen teilnehmen.
Oh je! Ich versuche erfolglos anzurufen. Ich schreibe eine Email. Ich schreibe noch eine Email:
Leider habe ich Sie telefonisch nicht erreicht. Mit den 7 000 Versicherten insgesamt kann ich eher wenig anfangen (weil ohne Zeitraum, nicht spezifisch). Können Sie nicht rekonstruieren, wie viele Versicherte am Veovita-Programm seit Start teilgenommen haben?
Nö, geht nicht:
Leider kann ich Ihnen die Zahlen aus betriebsinternen Gründen nicht weiter aufschlüsseln. Danke für Ihr Verständnis
Überflüssig, sich da zu bedanken, ich habe kein Verständnis. Die DAK weiß nicht, wie viele Versicherte ihre Angebote wahrnimmt? Schwer vorstellbar. Ich hake noch einmal nach:
Um welche Sorte betriebsinterner Gründe handelt es sich denn?
Seitdem warte ich.

Dienstag, 14. November 2017

Nicht für das Leben lernen wir

In der FAZ von gestern beklagt Heike Schmoll die Leistungen der Bildungseinrichtungen:
Kaum eine Universität kommt ohne Liftkurse aus, um im Gymnasium versäumte Grundkenntnisse nachzuholen. Hier liegt das Hauptproblem der jeweiligen Bildungssysteme: Keine Schulart nimmt ihre Pflicht wirklich ernst, die Anschlussfähigkeit für die nächsthöhere Bildungseinrichtung zu garantieren. Das beginnt in der Kita, die gemeinsam mit den Eltern zumindest für die sprachlichen Voraussetzungen vor Schulbeginn sorgen müsste, das aber nur selten schafft. ... Die Abiturienten haben dann zwar eine Studienberechtigung, aber keine Studienbefähigung in der Tasche.
Etc. Solche Klagen erklingen seit den 1980er Jahren. Interessant ist nur die Überschrift:
Die Schularten werden ihrer Verantwortung als Zulieferer nicht gerecht.
So sieht`s aus, liebe Kinder, liebe Lehrer: Zulieferer seid ihr für die deutschen Unternehmen. Angestellte einerseits, das Rohmaterial andererseits in Lernfabriken, ein Fließband in dieser Megamaschine von der Kita über die Berufsschule oder Unibis zum Arbeitsplatz.

Donnerstag, 2. November 2017

"Bildung! Bildung! Bildung!"

Die Sendung Andruck beim Deutschlandfunk hat diese Woche meine Besprechung von Konrad Paul Liessmanns "Bildung als Provokation" gebracht.
Politisch unangenehm, aber durchaus folgerichtig: Bildung lässt sich weder vermessen noch kontrollieren, weder aufspalten noch portionsweise verteilen, kurz: nicht effizient organisieren.
Vielen Lehrern und Universitätsdozenten wird der Autor aus dem Herzen sprechen. Dass das pädagogische Feld am besten bestellt ist, wenn wir sie von weiteren Innovationen und Reformen verschonen, dieser Verdacht hat einiges für sich. Er kennzeichnet die gegenwärtige Bildungspolitik überzeugend als innerweltliche Religion – mit allem, was dazu gehört: Erlösungshoffnungen, Priesterschaft und Ritus, in diesem Fall: Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme, pädagogisches Expertentum und Kennzahlen.

Kritisch anmerken möchte ich noch, dass Liessmann leider nur gegen die Verflachung der Bildung streitet, nicht für ihre Verallgemeinerung. Dass er Verflachung und Vermassung gleichsetzt macht den elitären Charakter seiner Kritik aus.

Montag, 16. Oktober 2017

Massenmenschhaltung



Wir leben in einer Massengesellschaft. Gleichzeitig ist für uns lebenswichtig, uns zu unterscheiden von den anderen, die so sind wie wir. Wir marschieren nicht im Gleichschritt (wie damals, als der Begriff der Massengesellschaft aufkam), aber unfehlbar in dieselbe Richtung.


Die Jahrzehnte seit dem angeblichen Ende des Fordismus brachten eine Industrialisierung und damit eine Standardisierung des Konsums, wie wohl nie zuvor. Und diese Jahrzehnte brachten eine individualisierte, narzistische Lebensweise hervor wie nie zuvor. Das muss zusammen passen, irgendwie, aber wie? Ich verstehe es nicht.




Wie beweist der Lemming, dass er einzigartig ist? Vielleicht hüpft er auf einem Bein in Richtung Abgrund.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

"Die Automatisierung der Ausbeutung"

In der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik ist ein weiterer Rundumschlag von mir zum Thema Digitalisierung erschienen. Beginnen lasse ich den Text nicht im kalifornischen Silicon Valley, sondern in einer Lidl-Filiale um die Ecke.
„Liebe Kunden, wir öffnen Kasse 2 für Sie“, ertönt die angenehme Frauenstimme vom Band. Ein Angestellter spricht in ein kleines Mikrophon, das er am Schädel trägt, während er durch die Regalreihen in Richtung Lager läuft; gleichzeitig schirmt er mit der Hand den Kopfhörer im Ohr vor Nebengeräuschen ab: „Hallo? Redest du die ganze Zeit mit mir? Hallo?“ Die Headsets wurden vor kurzem eingeführt. Mit ihnen können die Beschäftigten in jeder Situation eine Kollegin ansprechen, auch wenn diese beispielsweise hinten im Lager ist. Sie können nach einem Preis oder einer Warenziffer fragen oder die andere nach vorne rufen, ohne zu diesem Zweck selbst von der Kasse aufzustehen, auch während sie ein Regal einräumen oder die Aktionsware aufräumen oder den Pfandautomaten leeren oder die Backwaren kontrollieren … Schnell gehen muss es bei Lidl immer. Sich mit dem Sprechgerät am Körper zu koordinieren, ist deutlich zeitsparender als zum Telefon zu laufen. Andererseits: wer nicht jederzeit und unmittelbar erreichbar ist, gerät unter Rechtfertigungsdruck.
Auf die Digitalisierung und die Datenkraken zu schimpfen, fällt den Deutschen wesentlich leichter, wenn es sich um amerikanische Unternehmen handelt. Aber Lidl verwirklicht in vieler Hinsicht dieselben Tendenzen wie Amazon. Die "Internet-Plattformen" von heute sind die Erben der großen Handelsketten - die ihren Vorgängern zunehmend Marktanteile streitig machen!

Lidl ist der größte Handelskonzern Europas und der viertgrößte der Welt. Wie lautet das Erfolgsrezept? Der Aufstieg der großen Handelskonzerne - auch Walmart oder Carrefour - ist geprägt von einer Ausweitung der Selbstbedienung und Kampfpreisen: Rabatt für alle, jeden Tag. In ihren Filialen senkten die Konzerne den Personaleinsatz. Ihre niedrigeren Einkaufspreise gaben sie zum Teil an ihre Kunden weiter und drängten so unabhängige Unternehmen reihenweise aus dem Markt. Aber nun stehen sie selbst Konkurrenten gegenüber, die eben diese Strategien auch beherrschen – vielleicht besser? Internet-Plattformen wie Amazon oder Zalando machen den stationären Handel nervös. So wie die großen Technologiekonzerne Microsoft, Apple, Alphabete (Google) oder Facebook versuchen sie, von ihrem Heimatmarkt Internet aus in immer mehr Geschäftsfelder vorzudringen. Das beste Verkaufsargument der neuen Marktakteure ist das alte: „Ganz einfach, ganz schnell, ganz billig!“ Sie versprechen, die Kundenwünsche unmittelbar, on demand zu befriedigen. Ihre relative Stärke gegenüber den Etablierten besteht darin, kaufkräftige Nachfrage aufzuspüren. Über das (mobile) Internet haben sie Zugang zum Kunden, machen als erste ein Angebot und versprechen, dass es nirgendwo billiger zu haben ist.

Die Marktmacht wird wieder einmal neu verteilt. Für Lidl geht es darum, nicht abgehängt zu werden, wenn beispielsweise Amazon Lebensmittel ausliefert, wie es in der Region Berlin gerade erprobt wird. Der Discounter investiert kräftig in den eigenen Online-Shop. Laut Klaus Gehring, dem Vorsitzenden des Lidl-Aufsichtsrats, hat sich der Umsatz online im Jahr 2016 „einer Milliarde genähert“. Aber, erklärte Gehring der Frankfurter Allgemeinen, „wir können nicht Amazon – wir müssen gewinnorientiert sein.“ Mit dem Lieferdienst für frische Lebensmittel werde der Konkurrent niemals Geld verdienen. Das besondere an der Geschäftsstrategie der Plattformen ist aber gerade, dass sie Verluste gern in Kauf nehmen, solange sie Marktanteile erobern – Profite kommen (hoffentlich) später. Sie verfügen über finanzielle Reserven oder Investoren, die ihnen Kapital regelrecht aufdrängen. Entscheidend ist dabei, dass Lidl um seine „Preisführerschaft“ fürchten muss, denn Amazon unterbietet ihn bei entscheidenden Artikeln wie Kaffee, Milch oder Schokolade (verlangt allerdings zusätzlich Mitgliedsgebühren). Laut der Süddeutschen drohte der Lidl-Konzern im Mai seinen Lieferanten mit „Sanktionen“, sollten sie mit Amazon Fresh kooperieren, angeblich sogar damit, ihre Waren aus dem Sortiment zu werfen.

Welche Geschäftsmodelle im Handel sich mittelfristig durchsetzen, wie Internetselbstbedienung und Zulieferung zukünftig verzahnt werden, ist noch unklar. Klar ist dagegen, dass die Digitalisierung des Einzelhandels nicht ohne Kurierfahrer, Kommissionierer und Verpacker funktionieren kann, weil die bestellte Ware nun einmal nicht durch die Telefonleitung passt. Auf ihren Rücken wird der Preiskampf ausgetragen. In den mächtigen Warenlagern der Handelsketten herrschen Arbeitsbedingungen, die noch schlimmer sind als im stationären Handel: niedrigere Löhne, mehr Leistungsdruck, höhere Fluktuation, mehr Befristung und Leiharbeit. Wer krank wird, sagen Beschäftigte, wird mit Rückkehrgesprächen eingeschüchtert. Kollegen müssten Urlaubstage nehmen, wenn es für sie nicht zu tun gibt – nachträglich! Das Arbeitsaufkommen ist äußerst unregelmäßig, denn es ist abhängig von der instabilen Kauflaune online. Um sie zu bedienen, muss die Arbeitskraft on demand bereitstehen. Das Auslastungsrisiko will das Unternehmen aber nicht tragen.

Freitag, 29. September 2017

Kumm guud iwwer die Brick

Mittwoch, 20. September 2017